essay
"Der Bau – eine räumliche Intervention von Tassilo Sturm"
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Von Friederike Fast
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Ich schlängle mich zwischen den auf beiden Seiten hoch auf schießenden Häuserwänden
hindurch, um in den kleinen Hinterhof des Münsteraner Mehrfamilienhauses in der
Warendorferstraße 84 zu gelangen. Es ist die Enge der Großstädte, die magische Orte dieser
Art hervorbringt. Der Grund ihrer Existenz scheint allein darin zu liegen, dass man sie
entdeckt und erobert. Der idyllische Hinterhof mit dem alten Anbau bietet Projektionsfläche –
es ist genau der richtige Ort für ein Künstleratelier, eine Werkstadt oder eben für das
„Rhizom – Büro für Kunstvermittlung“. Als ich den Projektraum betrete wiederholt sich diese
überraschende Raumerfahrung. Wie beim Durchschreiten eines „Gates“ in einem
Computerspiel sieht man sich plötzlich in eine andere Welt versetzt: Ein geheimnisvoller
Gang verläuft in zwei Richtungen und verliert sich im Dunkeln. Auf Kriechhöhe bewege ich
mich durch eine improvisierte, stark verwinkelte Architektur aus Holz, Pappe und
Paketklebeband. Als befände man sich unter der Erde liefern Neonlampen in unregelmäßigen
Abständen eine notdürftige, kühle Beleuchtung. Die klaustrophobische, verästelte
Gangstruktur über mehrere Ebenen irritiert und ich verliere zunehmend die Orientierung.
Stimmen und Kratzgeräusche aus der Ferne ziehen meine Aufmerksamkeit auf sich bis das
Gefühl für die Dimensionen des Raumes vollständig abhanden kommt. Plötzlich öffnet sich
der Gang zu einem Zwischenraum, in dem ich auf eine Igluartige Architektur treffe. Mit dem
heimlichen Genuss des Voyeurs betrete ich die Räume, die auf einen Bewohner hinweisen, der
den Wohnort zeitweilig verlassen hat. Allein über die labyrinthischen Gänge mit der
Außenwelt verbunden findet der Eigenbrötler hier die Ruhe, um sich ungestört seinen
Interessen zu widmen. Da er jeden Moment zurückkehren könnte, folge ich – ein wenig
gehetzt – den niedrigen Gängen, die sich im Dunkeln verlieren...
Mit dem Titel „Der Bau“ nimmt die Arbeit von Tassilo Sturm Bezug auf die gleichnamige,
unvollendete Erzählung von Franz Kafka, die von einem fuchsähnlichen Tier handelt, das in
einem unterirdischen Gang lebt. Sein ganzes Leben ist darauf ausgerichtet, die labyrinthische
Struktur des Baus zu schaffen und zu verfeinern, der als Schutz vor feindlichen Tieren dient.
Obwohl der Bau Sicherheit und Behaglichkeit vermittelt, verzweifelt das sonst sehr
rationalistisch geprägte Tier schließlich an seiner panischen Angst vor einem fremden
Geräusch, dessen Ursache es nicht ermitteln kann. Der innere Monolog des Tieres führt das
Dilemma vor Augen, dass trotz aller Maßnahmen zum Schutz vor den Gefahren der Natur –
bis hin zur absoluten Isolation – niemals vollkommene Sicherheit und Ruhe zu erlangen ist.
Für das Zustandekommen von Architektur sind im wesentlichen zwei Faktoren bestimmend:
Erstens das menschliche Grundbedürfnis eine Behausung zu schaffen und zweitens eine
spezifische gesellschaftliche Realität. Jede Gesellschaft oder Kultur bringt ihre eigene
Architektur hervor. Ob ein Iglu, eine Insel, ein Baumhaus, ein Käfig oder ein Verschlag – im
Zentrum der Installationen von Tassilo Sturm stehen Räume, die ein persönliches Refugium
in einer unwirtlichen Umwelt bieten. Die imaginären Bewohner der Behausungen scheinen
vor einer brutalen Realität in eine schützende Isolation zu fliehen. In seiner raumgreifenden
Installation Der Bau (2007) integriert Sturm wesentliche Aspekte seiner früheren Arbeiten:
das Interesse an experimenteller Architektur aus improvisierten Materialien (vgl. Insel, 2003;
Selbstportrait als Insel, 2003; When it´s cold I´d like to die, 2004; Utopia Planetia, 2005;
Eremitage für Paris, 2006), die Isolation des (künstlerischen) Individuums in der
zeitgenössischen Gesellschaft (vgl. Je suis isolé, 2006; Jedem das Seine (... denn Frauen
wissen nicht was sie wollen...), 2006), und die Unsicherheit gegenüber einer ungewissen
Zukunft – hier ausgedrückt in Form des dunklen Labyrinthes (vgl. Warten auf das Glück,
2005; Findet mich das Glück? 2005; Waldfrieden, 2006). Ganz im Sinne der experimentellen
Architektur der 60er Jahre sind Sturms Installationen vor allem Ausdruck von Ideen: „Das
Haus ist ein Rückzugsort, es steht für Intimität und Innerlichkeit. Gleichzeitig stellt der
bewohnte Raum aber einen Kosmos dar, der eine Projektionsfläche bilden kann für unsere
Gefühle, Erinnerungen, Erwartungen“ (Tassilo Sturm, 2006). Wie in Kafkas Erzählung steht
das Labyrinth in Sturms Arbeit für das Scheitern von Kommunikation: „In meinem Erdhaufen
kann ich natürlich von allem träumen, auch von Verständigung, obwohl ich genau weiß, dass
es etwas derartiges nicht gibt, und dass wir in dem Augenblick, wenn wir einander sehen, ja
wenn wir einander nur in der Nähe ahnen, gleich besinnungslos, keiner früher, keiner später,
mit einem neuen anderen Hunger, auch wenn wir sonst völlig satt sind, Krallen und Zähne
gegeneinander auftun werden.“ Das imaginäre Individuum in den Arbeiten von Tassilo
Sturm entzieht sich der zwischenmenschlichen Kommunikation. Mit einem feinen Sinn für
die gegebenen Strukturen des Ausstellungsraumes, produziert Sturm antiutopische
Gegenentwürfe zu einer allzu heilen (Wohn-)welt, wie sie uns in den Zeitschriften begegnet.
Nicht die junge, strahlende Familie im neuen Eigenheim, sondern der isolierte Eigenbrödler
bewohnt diese unwirtliche Welt. Obwohl Tassilo Sturm natürlich kein Architekt ist,
entwickelt er Räume, die als Mittel einer gesellschaftlichen Umgestaltung aufgefasst werden
können. Mit der interaktiven Installation Der Bau spricht er unmittelbar unsere
Raumerfahrung und Raumerwartung an und stellt unser Bedürfnis nach Behaglichkeit und im
übertragenen Sinn nach dem „Eingerichtetsein“ in der Gesellschaft in Frage, indem er uns auf
den ungewissen Weg durch das dunkle Labyrinth entlässt...